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VERHULLUNG DES REICHSTAGSCHRISTO und die Verhullung des Reichstages Christo Javacheff wurde am 13. Juni 1935 in Bulgarien geboren. Nach dem Gymnasium, studierte er Malen, Skulptur und Buhnenbild an der Kunstakademie in Sofia. Danach ging er fur eine kurze Zeit nach Prag um dort sein Studium weiterzufuhren. 1957 machte ein Auslandssemester in Wien. Er begann schon als Siebenjahriger zu malen. Seine Eltern forderten sein Talent und engagierten einen Privatlehrer, der ihm die verschiedensten Techniken des Zeichnens beibrachte. Christo war schon in seinen jungen Jahren klar, dass er einmal Kunstler werden wolle. Er besa? fruh eine ungeheuere Kenntnis von Kunstgeschichte. Weiteres interessierte er sich fur russische Literatur und Kunst und lernt bald uber seine Mutter Schriftsteller und Kunstler wie Majakowski, Meyerhold, Tatlin, Gontscharowa und El Lissitzky zu schatzen. Er beschaftigte sich mit Monumentalarbeiten von den riesigen Festdekorationen, die der Sowjetunion zwischen 1918 und 1921 zum Jahrestag der Oktoberrevolution und zum 1. Mai erstellt wurden. Gro?en Eindruck habe der Regisseur Sergej Wassilijew gemacht, der nach dem zweiten Weltkrieg fur einige Jahre als kunstlerischer Leiter des staatlichen Filmstudios in Bulgarien verpflichtet worden war. Damals war es ublich, dass Kunstler standig mit Filmleuten zusammenarbeiteten. Sie wurden beauftragt den Dekor entweder in der Realitat auszuwahlen, oder nachzubauen. Propaganda Kunst hat Christo fruh herausgefordert. Daher stammte auch sein Verlangen und Bereitschaft, mit den verschiedensten Leuten zu diskutieren und sich den widerspruchlichsten Meinungen auseinander zusetzen. Deswegen ist es heute noch schwierig, sich in den westlichen Kunstbetrieb zu integrieren, der primar formalistisch urteile, wahrend er doch selbst eine dialektische Verhaltensweise, eine standige Auseinandersetzung mit kunstfremden oder kunstindifferenten Kraften suche. Wenn man die Werke Christos genauer betrachtet, erkennt man, dass sie, wie Architekturzeichnungen oder Ingenieursskizzen, Informationen uber technische Details geben. Christo unterscheidet sich deutlich von vielen Kunstlern indem es klar ist, dass er jedes seiner Entwurfe realisieren mochte und nicht nur utopische Vorstellungen hat. Solange Christo ein Werk vorbereitet, zeichnet er, klebt er Materialien, die der spateren Verwirklichung dienen, ein. Immer wieder zieht er dazu topographische Fotos heran, in diese er Zeichnungen und Collagen unterbringt. Die Fotografie dient als Fond fur sein eigenes Zeichnen- eine rasche zusammenfassende Strichfuhrung sorgt dafur, dass das Projekt, das skizziert wird, stilistisch der Umgebung, in der es auftauchen soll, angeglichen wird. Man erkennt beim Betrachten der gezeichneten Entwurfe, dass das Zeichnen selbst als Ausgangspunkt der spateren Verhullung dient. Das grafische Element in den Zeichnungen- die Linien und Verschattungen- wird von den Seilen und Stoffen real ausgefuhrt. Sobald ein Projekt realisiert wurde, hort Christo auf zu zeichnen. Er skizziert nur im Vorgriff auf das, was noch nicht sichtbar ist. Da das Realisierte im Grunde die definitive Zeichnung ist, zeichnet Christo nie nach. Statt dessen befassen sich andere Medien wie die Fotografie, Film, Statistiken und Berichte mit dem Werk. Somit werden seine Projekte nie vergessen auch nachdem sie nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Christo sucht nach den zahlreichen Fotografien die Besten aus und nur jene durfen in Erinnerungsbuchern verwendet werden. Er entwickelte seine eigene Strategie. Jeder Entwurf soll verwirklicht werden. Zwar verschwindet jede Ausfuhrung nach kurzer Zeit wieder, jedoch halt dir Fotografie die Projekte fest und bleibt somit verewigt. Dieses Vorgehen hat auch Ruckwirkungen auf die kommerzielle Notwendigkeit der Graphiken. Wie die Collagen und Vorzeichnungen erbringen sie das Kapital, das Christo braucht, um die Gro?projekte ausfuhren zu konnen. Er hat zu all seinen Projekten nie offentliche Gelder akzeptiert. Sponsoren weist er alle zuruck. Damit beweist er, dass er frei bleiben mochte. Diese Freiheit gestatten ihm die Collagen, Zeichnungen und Editionen. Christo wei? nie vorraus, ob seine Projekte tatsachlich realisiert werden. Jedoch schlagt er nur Projekte vor, bei denen es wenigstens eine Chance gibt, dass sie verwirklicht werden. Er schlagt keine utopischen Projekte vor, bei denen er sich sicher sein kann, dass er keine Bewilligung erhalten werde, oder die technisch nicht machbar sind. Deshalb mogen seine Projekte vielleicht einen schwierigen, und manchmal sogar absurden Eindruck machen, sie sind es jedoch nicht wirklich. Sie sind realisierbar, stehen jedoch an der Grenze zwischen dem Moglichen und dem Unmoglichen. Er rechnet damit, dass furchtbare Probleme auf ihn zukommen und dass das Projekt eventuell scheitern kann. Gerade diese Zweifel verleihen ihm Energie und machen es aufregend. Es ist tatsachlich wie eine Expedition, bei der man eine Vielzahl von Rucksichten zu nehmen hat und sich durch immer neue Gegebenheiten hindurchfinden muss. Jedes Projekt hat fur Christo seine eigene Geschichte, und es ist unmoglich fur ihn, sie vorauszusehen. Deshalb kann Christo sich nicht auf nur eine bestimmte Interpretation festlegen. Wenn er mit einem Projekt beginnt, gibt es immer einige kluge Leute, die ihm ihre eigene Interpretation beibringen wollen. Aber diese verschiedenen Argumentationen sind fur ihn nur kleine Facetten der immensen Bedeutungsvielfalt des Ortes, des Raums, der Stra?e, des Gebaudes. Wahrscheinlich am Wichtigsten, wenn Christo mit seinen Hilfen ein Projekt in Angriff nehmen, ist es, an dem naiven, beinahe kindlichen Wunsch festzuhalten, das Objekt zu realisieren und sich nicht immerzu in eine andere Richtung drangen oder von reifen und ernsthaften Erwagungen blockieren zu lassen, weil das den Enthusiasmus und die Vision nur beeintrachtigen kann. Die Verhullung des Reichstages: 1971, als Christo mit den Vorbereitungen fur das Projekt Verhullter Reichstag begann, schien es vollig unrealistisch, dass das 1894 eingeweihte ehemalige deutsche Parlamentsgebaude in absehbarer Zeit seine fruhere Funktion wieder aufnehmen konnte, sooft diese Hoffnung auch geau?ert wurde. Heute mehr denn je demonstriert der Reichstag die Begegnung von Ost und West, von Vergangenheit und Zukunft. Der Reichstag steht auf einen weithin offenen Gelande, das merkwurdige, ja gerade zu metaphysische Assoziationen hervorruft, die mit der wechselvollen Geschichte des Gebaudes seit dem 19. Jahrhundert in Verbindung stehen. 1933 wurde es in Brand gesteckt, 1045 fast vollig zerstort und in den sechziger Jahren wieder aufgebaut- der Reichstag war einen standigen Wandel und dauernden Erschutterungen unterworfen, doch immer blieb er Symbol fur die Demokratie. Fur einen Zeitraum von zwei Wochen soll die verschwenderische Fulle von Tausenden von Quadratmetern eines silberglanzenden, mit Seilen vertauten Gewebes einen uppigen Fluss vertikaler Falten ergeben, die wesentlichen Merkmale der Architektur vor Augen fuhren werden. Die ganze Kunstgeschichte hindurch haben Stoffe und Gewebe die Kunstler fasziniert, von den altesten Zeugnissen der Bildenden Kunst bis hin zur Kunst der Gegenwart ist die Struktur von Stoffen- Faltenwurfe, Plissees, Draperien - ein bedeutender Bestandteil von Gemalden, Fresken, Reliefs und Skulpturen aus Holz, Stein und Bronze. In der judischen- christlichen Tradition hat das Verhullen - zum Beispiel bei Hochzeiten und anderen rituellen Feierlichkeiten- eine wichtige sakrale, freudige Bedeutung. Die Verhullung des Reichstags mit Stoffbahnen folgt dieser Tradition. Fur die Verhullungen des Reichtags werden eine strapazierfahiges synthetisches Gewebe, das den gangigen Brandschutzvorschriften entspricht, und Dacron-Seile verwendet werden, wobei alle vier Fassaden mit jeweils funf speziell zugeschnittenen gro?en Stoffbahnen bedeckt werden. Die Stoffbahnen und die Seile werden an Teleskopstaben befestigt; sie konnen also ohne technische Eingriffe am Gebaude selbst angebracht und wieder entfernt werden. Samtliche empfindlichen Statuen und Architekturornamente werden durch speziell angefertigte kafigartige Gehause geschutzt. Das Werk soll in drei Phasen vollendet werden. Die erste Phase umfasst alle Arbeiten, die nicht an Ort und Stelle vorgenommen werden mussen: das Zuschneiden der Stoffbahnen und die Naharbeiten, die Fertigungen und Schutzgehause installiert und die zusammengefalteten Stoffbahnen auf der Dachterrasse des Reichtags deponiert. Nachdem diese Vorbereitungen abgeschlossen sind, von denen die Offentlichkeit nur wenig bemerkt, werden dann in der letzten Phase die Stoffbahnen von oben entrollt und an den Teleskopstaben befestigt. Dies wird drei bis vier Tage in Anspruch nehmen. Alle verwendeten Materialien konnen nach ihrer Entfernung fur andere Zwecke wiederverwendet werden. Der Verhullte Reichstag wird als ein temporares Kunstwerk wie alle anderen Projekte des Kunstlers ausschlie?lich aus eigenen Mitteln finanziert, durch den Verkauf seiner Vorstudien-Zeichnungen, Collagen, ma?stabgerechte Modelle-, fruher Arbeiten und Originallithografien. Christo akzeptiert keine Fordermittel aus offentlicher oder privater Hand. Seit mehr als zwanzig Jahren hat Christo in Museen, Universitaten und Galerien in aller Welt Vortrage uber die Reichtags Projekt gehalten und Ausstellungen dazu veranstaltet. Das Rechtagsprojekt steht nicht nur fur langjahrige Bemuhungen im Leben eines Kunstlers, sondern auch fur das Engagement vieler anderer Menschen. Politiker und Geschaftsleute, Kunstler und aus allen gesellschaftlichen Schichten, aus Ost und West, haben sich unermudlich dafur eingesetzt, und diese gemeinsame Kraftanstrengung ist ein wichtiger Bestandteil des Dialogs, der fur das Reichtag-Projekt von so entscheidender Bedeutung ist. Stoffbahnen, die ein Gebaude umhullen, sind- wie die Kleidung oder die Haut- etwas Zartes und Empfindliches. Christos Projekt zeichnet sich durch eine einzigartige Eigenschaft aus: die Verganglichkeit. Die materielle Realisierung des Verhullten Reichtags wird sich als ein dramatisches Erlebnis von gro?er visueller Schonheit erweisen. Die Stellungnahme zu Christos Projekt einer Verhullung des Reichtagsgebaudes in Berlin setzt die Kenntnis von Entwicklung und Personlichkeit des Kunstlers sowie den Rang, Eigenart und Geltung seiner Kunst als gegeben voraus. Sie darf sich darum auf das Projekt selbst beschranken. Seine Ernsthaftigkeit und die objektive Chance seiner Realisierung stehen dabei au?er Frage. Zur Charakterisierung und zum Verstandnis des Werkes kann man acht Aspekte zusammenfassen. Der philosophische Aspekt: Die alten Griechen sagten, das Staunen ware der Anfang aller Philosophie, und zwar als Staunen uber das Alltagliche, Gewohnte, scheinbar selbstverstandlichem das dann eine langeres Nachdenken uber das Vertraute, Gewohnte in Gang bringen, will uns Dinge, die uns nahe und alltaglich sind- und die wir dann leicht ubersehen-, wieder ins Bewusstsein bringen, sie in neuem Sinne sichtbar, wahrnehmbar machen. Diesen Prozess bringt Christo durch ein Ver- und Enthullung in Gang. Durch Verhullen entzieht er uns vertraute, gewohnte Gegenstande, entfremdet sie uns, macht sie geheimnisvoll, macht uns wieder neugierig auf sie. Aus ihrer Verhullung gelost, sehen wir sie mit neuer Aufmerksamkeit, gleichsam mit anderen Augen Der asthetische Aspekt: Der Zustand der Verhullung einer Sache hat aber nicht nur den *negativen* Aspekt, dass sie uns entzogen, entfremdet, verborgen ist, dieser Zustand besitzt auch eigene formale Qualitaten. Der verhullte Gegenstand- Baum, Haus, Turm, was immer- kann auch in seiner Verpackung und als Verpackung schon sein, ein asthetisches Gebilde. Wir entdecken seine besonderen Konturen, Formen und Volumina. Die Verpackungshaut reflektiert das Licht, die Sonne, Wolken, schimmert in vielen Farben, bedeutet ein ungewohntes, faszinierendes Schauspiel, weckt Erwartung auf das in ihr Verhullte. Der Technische Aspekt: Christo hat gro?e Erfahrungen in der Realisierung *utopischer* Projekte. Ihn reizt die Gro?e einer Aufgabe. Sie mobilisiert seine Phantasie und spornt auch seine Helfer an. Christo zur Seite stehen- an den bisherigen Projekten geschulte- angesehen Ingenieure, Techniker, erfahrene Handwerker und Hilfskrafte, die uberwiegend schon mit den spezifischen Schwierigkeiten der Arbeit Christos vertraut sind, ihn in der Auswahl der zu verwendenden Materialien, ihrer Befestigung und Verankerung usw. beraten. Die Rolle des Kunstlers ist das Erdenken und Konzipieren eines *utopischen* Projektes, das zugleich zweckfrei und doch sinnvoll sein soll. Seine technische Ausfuhrung ist Fachleuten anvertraut- Christo uberwacht nur die einzelnen Phasen der Realisierung. Der soziale Aspekt: Christos Kunst sucht Offentlichkeit. Sie ist ohne Offentlichkeit, und ohne Mitwirkung der Offentlichkeit, nicht denkbar. Sie will aktive Mitwirkung, nicht blo? die passive Teilnahme eines Publikums. Sie ist auf nachhaltige Reflexion hin angelegt. Der Prozess, der zur Realisierung eines Werkes von Christo fuhrt, ist Teil des Kunstwerkes selbst, ist sozusagen die soziale Dimension des Kunstwerks. Das Publikum, regelma?ig in vielen Hearings mit Christos Werk befasst und mit ihren Planen und Gedanken des Kunstlers konfrontiert, erscheint mit allen einen Reaktionen in das Werk selbst einbezogen. Es ist Christo wichtig, dass die Offentlichkeit nicht nur durch die an den der Realisierung mitwirkenden Fachleute, Handwerker, Arbeiter, Studenten, Hilfskrafte usw. prasent ist, sondern auch durch das Publikum sowie seine Reprasentanten, und zwar die Abgeordneten, die Politiker, sowie die Presse, das Fernsehen. Die allgemeine offentliche Willens- und Meinungsbildung uber jede seiner Arbeiten ist fur Christo eine unverzichtbare Qualitat seines Werkes. Auch und gerade im Falle des Projektes einer Verhullung des Reichtags sollte die Offentlichkeit- moglichst in allen Berliner Bezirken, aber auch in anderen deutschen Stadten- fruhzeitig durch verschiedene Veranstaltungen, Diskussionen, Lichtbildreferate, Filmvorfuhrungen- mit allen Einzelheiten der Arbeit Christos bekannt gemacht werden. Der Kunstler selbst konnte sich dabei dem Publikum und seinen Fragen stellen. Der finanzielle Aspekt: Das Projekt kostet den deutschen Steuerzahler keinen Groschen. Christo ist nicht auf Subventionen aus. Er bezahlt seine Arbeit selbst- und zwar bezahlt er seine Arbeit nicht durch einein angehauftes Vermogen ( das er nicht besitzt), sondern wiederum aus seiner Arbeit. Er verkauft im Hinblick auf ein Projekt die damit in Zusammenhang stehenden vorbereitenden, oft meisterhaften Zeichnungen, entwurfe, Collagen an Sammler, Galerien Museen und verwendet die Einnahme dann fur dessen Realisierung. So tragt seine Arbeit sich selbst. Der urbane Aspekt: Christos bisher gro?tes Projekt waren die Landschaft eingebunden, akzentuierten, verstarkten oder veranderten den bestimmten Eindruck einer Landschaft ( einer felsigen Kustenzone, eines Talzuges in Colorado), wurden Teil dieser Landschaft. Nun kehrt Christo in den urbanen Umraum zuruck, in dem er begonnen hat, wenn auch mit einem Projekt viel gro?eren Ausma?es als die vorangegangen *Verhullungen* von Hausern oder Denkmalern. Das *verhullte* Reichtagsgebaude wird auf die isolierte urbane Situation dieses Bauwerkes, das (noch vor kurzem) am Rande des vitalen Lebenszusammenhanges von Westberlin (lag), aufmerksam zu machen und kann vielleicht spatere stadtebauliche Impulse provozieren. Der historische Aspekt: Der Reichstag ist ein Teil deutscher Geschichte und in gewissem Sinne zugleich dessen Symbol. Besitzen die Deutschen den Reichstag uberhaupt noch? Oder haben sie blo? die leere Hulle behalten, die nur noch mit Erinnerung an Glanz und Elend, an Auseinandersetzungen und Konflikt vergangener Tage besetzt ist? Warum ist der Reichstag einerseits als nationales Monument so kostbar, andererseits so unlosbar mit schmerzhaften Erfahrungen belastet? Ist es, weil die Deutschen nur dieses Gehause ohne lebendige Funktion geblieben ist, wenige Meter von der Mauer entfernt, die eine Stadt, ein Land ein Volk unbarmherzig teilt? Oder ist es, weil dieser leere Reichstag selbst ein Symbol der Teilung, der tragischen Entwicklung deutscher Geschichte - und Schuld- geworden ist? Wenn Christo den Reichstag verhullt- fur einen wie knappen Zeitraum immer- so legt er den Finger in eine Wunde. Eben das ist seine Absicht. Christo sucht nicht den gedankenlosen Beifall eines Vernissage-Publikums. Seine Kunst fuhrt in die Auseinandersetzung unserer Tage: in die Umweltdiskussion (so das Running Fence -Projekt in Kalifornien), 1977verweist er auf die Deutsche Teilung. Die deutschen sollen es akzeptieren. Der politische Aspekt: Aus dem historischen folgt der aktuelle politische Aspekt. Wie wird das Volk- und hier wird das ganze Volk zugleich Publikum- reagieren? Wird ihm bewusst werden, dass in dem Beispiel der Verhullung - und somit zugleich Hervorhebung eines historischen Bauwerkes- nicht nur ein Kapital unserer Geschichte beruhrt, sondern die deutsche Gegenwart gemeint ist- der Alltag, indem sie sich nicht unbequem eingerichtet haben , den sie ohne allzu viel Uberlegungen leben? Wird es bemerken, dass von Christo nur etwas verhullt wird, was ihnen seit langen fehlt das sie nur vermeintlich, als au?ere Hulle besitzen? Wird es mit Nachdenklichkeit, Humor, Mut, Einfallsfreudigkeit und Spontaneitat reagieren, Eigenschaften, die gerade dem Berlin so gerne nachgesagt werden? Wird ein Denkprozess in Gang gesetzt oder nur eine Flut unkontrollierter Empfindungen hochgeschwemmt werden? Hier liegt das Risiko dieses kunstlerischen Experiments, zugleich aber auch seine Bedeutung und seine Chance. Daraus kann folgendes Resumee abgeleitet werden: Das Projekt *Christo verhullt den Reichstag* sollte gewagt werden. Es sollte aber nicht gewagt werden ohne grundliche aufklarende Vorbereitung der Bevolkerung. Diese scheint entscheidend zu sein. Vor dem Hintergrund des zu erwartenden intensiven Interesse der Massenmedien sollte die ganze mit dem Projekt verbundene Problematik in allen ihren Aspekten und Dimensionen diskutiert werden. Erst wenn sich breites Verstandnis fur das Projekt abzeichnet- um nicht von einem allgemeinen und einhelligen Konsensus zu sprechen, der wohl fur gar keine kunstlerische Idee zu erreichen sein wird und vielleicht auch gar nicht anzustreben ware, sollte die Realisierung in Angriff genommen werden. Beim Running Fence Projekt in Kalifornien ist Christo ebenso vorgegangen. Anders als in Kalifornien geht es hier aber nicht um die blo? numerische Mehrheit von Stimmen in irgendeiner Versammlung, sondern um ein qualitatives Abwagen der vorgetragenen Argumenten, um eine kritische Prufung der erhofften Resonanz. Erst wenn die zu erwartenden ( und erwunschten) kontroversen Debatten ab der substanziellen Punkten angelangt sind, kann die Realisierung des Projektes ihren optimalen Effekt erreichen. Dieser besteht nicht zuletzt darin, die Menschen fur einen Augenblick wieder die historische und politische Situation zwischen Vergangenheit und Zukunft bewusst zu machen. Im Sommer 1977 haben sich mehrere Reprasentanten des Staates offentlich zu Fragen der Kunst geau?ert: der Bundesprasident [Walter Scheel] anlasslich der 25. Ausstellung des Kunstlerbundes mit Gedanken zur Kunst, die ein Freiraum sei, in den der Staat nicht einzugreifen habe. Der Prasident des Bundestages (Karl Carstens) hatte kurz vorher in einer Stellungnahme zu dem Projekt Christos, den Reichstag in Berlin vorrubergehend zu verhullen, die Grenzen dieses Freiraumes der Kunst gezogen, die auch der Staat trotz seines institutionellen Liberalismus fur notig halt: Sie befanden sich dort, wo" ein gro?er Teil der Mitburger" einem kunstlerischen Projekt kein Verstandnis entgegenbringe, das einen Gegenstand von "besonderer geschichtlicher Bedeutung" und von nationalem Symbolwert kurzfristig so verwandle, dass eine kontroverse Diskussion zu befurchten ware. Mit anderen Worten, der Freiraum der Kunst sieht dann weniger idyllisch aus, wenn ein Kunstler wie Christo das Gehege staatlicher Symbolik als eine kunstlerische Betatigungsfeld ansieht. Da bleibt dann die Ansicht Walter Wallmanns, des CDU Oberburgermeisters von Frankfurt, auf einer Strecke, Politiker hatten "Freiraum fur Kunst und Kunstler schaffen und nicht daruber zu befinden, was wertvolle und unwerte Kunst" sei. Kunst sei "oft Provokation; Argernis, Protest gegen Konvention". Bezieht man diese Aussage auf das Christoprojekt, dann scheint es eine Form von Provokation darzustellen, die die Schutzzone des kunstlerischen Freitraumes verlasst, ohne sich damit als kunstlerische Veranstaltung zu disqualifizieren: Karl Carstens, der Christos Projekt nach grundlicher Prufung als eine solche Grenzuberschreitung ansah, billigt ihm dennoch "eine bedeutende kunstlerische Wirkung" zu und verzichtet damit auf eine schlichte Form der Verteidigung: Christo der Scharlatan, der "Lustigmacher und Zeitvertreiber" (Rudolf Borchardt). Diese Kontroverse um ein kunstlerisches Verhaben fuhrt zur Einsicht, dass der von Walter Scheel und Walter Wallmann geforderte Freiraum fur Kunst und Kunstler so lange als demokratische Maxime funktioniert, als sich die Kunstler mit "freier Selbstverwirklichung" zufrieden geben. Seit Christo musste mit der Neuentdeckung eines "politischen Kunststucks" anderer Art gerechnet werden, als es der Bundeskanzler, Willy Brandt, auf seinem Bonner Sommerfest apostrophierte, mit einem Kunststuck, das uns das sehr deutsche Tabu politischer und nationalstaatlicher Symbolik blo?legt. In der Diskussion um Christos Projekt sind die unterschiedlichen Standpunkte der Koalition und Opposition von gegenseitiger Toleranz getragen: Willy Brandt hat Verstandnis fur die Sorge, Dietrich Stobbe ( damals Regierender Burgermeister Berlins) Respekt vor der Entscheidung Karl Carstens', alle drei sind von der "bedeutenden kunstlerischen Wirkung" der Reichstagsverhullung uberzeugt. Es steht also nicht die Frage zur Debatte, ob Christos Vorhaben "wertvolle oder unwerte Kunst" darstelle, sondern es handelt sich um die Einschatzung der politischen Dimension solcher kunstlerischen Wirkung, das hei?t, um die Frage, wie sich eine Mehrheit der Bevolkerung zu dem provokanten Projekt verhalt, eine Mehrheit, die schnell zu einer solchen von Wahlern werden. Dies ist eine verstandliche Uberlegung gewahlter Volksvertretern, zumal nicht der illegitime Anspruch von Mehrheitsbeschlussen uber den Kunstwert des Reichstagsprojektes zur Debatte steht, sondern nur die Frage eines Mehrheitsverhaltnisses fur die politische Implikation des Projekts. Carstens halt eine Kontroverse uber "das Reichstagsgebaude mit seiner besonderen geschichtlichen Bedeutung und seinem Symbolcharakter fur die fortbestehende Einheit der deutschen Nation" derzeit fur "abtraglich". Brandt dagegen meint sie sei "hilfreich..., uns dem Symbolwert" des umstrittenen Gegenstandes zu vergegenwartigen, und auch Strobbe erhofft sich eher eine "positive Provokation" und eine "befreiende Diskussion". Beide SPD- Politiker meinen, eine "sicherlich zogernden Offentlichkeit verstandlich machen". Aus diesem Diskussionsstand ergibt sich eine bemerkenswerte Folgerung: Christos Kunststuck fordert Politiker heraus, um dessen offentliches Verstandnis, nicht um seine- von Christo ohnehin nicht verlangte- Finanzierung zu werben oder die Verantwortung fur seine Verweigerung zu ubernehmen und damit die Grenzen der eingangs zitierten Beteuerungen oder Freiheit der Kunst zu offenbaren. Es ware einmal der Grund entzogen, mit Helmut Schmidt zu bedauern "Kunst und Politik" hatten "viel zu wenig miteinander im Sinn". Von Anfang an suchte Christo die " community experience" und die "tremendous political implications", nicht nur um diese mit Seilen und Stoffbahnen lacherlich zu machen, sondern um die Bevolkerung selbst diese temporare Aktion des Kunstlers als Ermunterung zum Nachdenken begreifen zu lassen, als Aufforderung zum Tanz mit dunklen Begriffen und statischen Vorstellungen von nationaler Symbolik, geschichtlicher Uberlieferung und politischer Realitat. Ein solches offentliches Interesse hatte der Reichstag bitter notig. Er hat es in seiner kurzen Geschichte wohl nie ohne "abtragliche Diskussionen" gehabt. Gewiss wird niemand bezweifeln wollen, dass es erfullte Gottesdienste in hasslichen Kirchen, gute Schulen, effiziente Krankenpflege, prompte Feuerwehr, in unschonen Baulichkeiten geben kann, aber bei diesen war immer der Vergleich mit besseren moglich und die ideale Identitat zwischen Funktion und Form in alter und neuer Zeit hundertfach gelungen. Doch es gab nur einen deutschen Reichstag, und fast alle Vergleiche mit auslandischen Parlamentshausern fielen zu seinem Nachteil aus. Das Ungenugen an diesem Gebaude, dieser sehr deutsche Zwiespalt zwischen gefuhlsma?iger Geltung, sichtbarer Gestalt, und geschichtlicher Bedeutung, mag die Aggressionen erklaren, die seine Au?enhaut zum Anlass nahmen, seine Organe zu denunzieren. Wenn man mit dem gro?en Weimarer Architekten Hugo Haring den " Bau einer politischen Gesellschaft ein Gestaltthema von gro?ter Bedeutung" nennt, ein Wort, das nichts von seiner Aktualitat eingebu?t hat, dann kann man ermessen, welche Folgen, im Sinne verweigerter Identifikation oder nur Sympathie, die asthetische Verdammung des Baus von Paul Wallot haben musste. Es war ja schon immer eine heikle Tradition einer spezifisch deutschen Kulturkritik, von Langbehn uber Moeller van den Bruck zu Sedlmeyr und Marcuse, aus der "cultural despair" (Fritz Stern) uber kunstlerische Manifestationen des Zeitgeistes die gleiche "Verzweiflung" uber die nationalen und politischen Verhaltnisse herzuleiten. War es nicht mehr als ein kunstlerischer Unglucksfall, dass die Deutschen ihren ungeliebten Reichstag hatten, die Amerikaner aber ihr Capitol, die Englander ihr House of Commons und sogar die Osterreicher ein Parlament, das in den hauptstadtischen Zusammenhang wurdig verflochten war? Selbst die ungarische "Nachahmung" des englischen Vorbildes pragt unvergesslich die Silhouette Budapests, wahrend sich der Reichstag nur muhsam mit dem Brandenburger Tor und markischen Fohren des Tiergartens auf einer Postkarte zwangen lie?. Man vergleiche nur die politische Symbolkraft der Nahe des schwedischen Parlaments zum koniglichen Schloss, um das ganze Ausma? der Widerstande und Angste zu ermessen, die zur Entfernung des Reichstags aus der historischen Stadt, nahe dem Stammplatz der Zirkuszelte fuhrten und die ein kaiserliches Verdikt gegen eine dem Schloss zu souverane Kuppel provoziert haben soll. So war es "kein Zufall, dass das Reichstagshaus in seiner stadtebaulichen Anordnung gewisserma?en beiseite geschoben und in keinen Zusammenhang mit den Gebaudekomplexen, die die damalige Staatsmacht reprasentierten, gebracht wurde" (Ludwig Hilberseimer) Diesem Umstand verdankt der Reichstag ja auch sein Gluck, sich immerhin zu 99 Prozent in Westberlin, dort allerdings nun vollig am Rande, zu befinden. In einem denkwurdigen Wettbewerb, 1927/30, haben einige der fuhrenden Architekten der Weimarer Republik versucht, die neue Verfassungswirklichkeit seit 1919 in einer stadtebaulich durchgreifenden und die Isolierung des Reichstages aufhebenden Umgestaltung des Konigspalastes zum Platz der Republik, als *Dokument einer neuen politischen Willenssetzung*, zur Darstellung zu bringen. Bruno Taut schlug vor, den Reichstag, dauerhafter als Christo "den Blick von au?en zu entziehen" und in eine modern-funktionelle Architektur einzuhullen. Karl Wach wollte den Bau "in eine gro?ere Kiste stellen, immerhin so, dass das Gesicht des alten Baues... mit den Zahnen fletschen darf" (Ministerialdirektor Kie?ling). Glaubt man im Ernst, dass das auch von Skeptikern vorhergesagte asthetische Vergnugen kurzen, aber immensen Ausma?es, das Christos Projekt einer Reichstagverhullung versprache, den nagenden Schaden vermehrte, der dem deutschen Parlamentarismus dauernd zugefugt wurde, indem man ihn an einem als abscheulich empfundenen, ja hassenswerten Orte stattfinden lie?? " Wenn man ein Bauwerk hassen kann, so habe ich dieses mehr und mehr hassen gelernt...ich bin uberzeugt, dass die Reizbarkeit der Abgeordneten, die sich in so vielen Verhandlungen unvorteilhaft zeigte, eine wesentliche Ursache in den Unnatur des Reichstagsgebaude hatte" (Gustav Radbruch, Justizminister 1920-24). Ware es nicht des Versuches wert, diese "Unnatur" des Reichstages durch eine kurzfristige Variation in die Schonheit flatternden Segeltuches in der Berliner Luft zu verwandeln? Kame hier nicht ein Urbedurfnis des Menschen zur Geltung, die schwindende Bedeutung der alternden Kulissen seiner Umwelt durch verhullende Verwandlung auf ihre "Wahrheit" zu befragen? Ware solche temporare Verhullung nicht humaner als die einzig andere Methode, sich von ungeliebten, querliegenden und funktionslosen Bauten zu befreien- der Abriss? Nur unglaubig kann man heute auf die Pladoyers von Kunstschriftstellern, Architekturkritikern, Architekten, Werkbundmitgliedern u.a., ja auch auf einen seinerseits breiten Konsens fur den Abriss des Reichstages in den funfziger Jahren zuruckblicken, und nicht wenige erinnern sich noch an der jetzigen Ode seiner Wiederherstellung der Explosions-Blitze mehrfacher Sprengladungen, um die beschadigte Kuppel des Plenarsaales niederzulegen. Diejenigen Mitburger, die sich auch trotz "einer gutvorbereiteten Diskussion"(Strobbe) uber Verpacker, Verpackung und deren Publizisten grundlich argern wurden, konnten sich dann mit den Einwickelfreunden gemeinsam freuen, wenn sich die Schnure losen und die Hullen wieder fielen. Nach einer solchen Christo-Fermate in der Reichstaggeschichte, hatte jeder seinen Reichstag wieder und viele lernten erst, dass sie einen haben und was sie an ihm haben. Um das Projekt jedoch realisieren zu konnen, musste Christo 24 Jahre lang kampfen. Der Prozess um die Genehmigung zu bekommen war sehr kompliziert. 28 Meter der Ostfassade befanden sich als Christo anfragte auf dem Gebiet des sowjetischen Sektors, doch unterhalten wurde das Gebaude von der westdeutschen Regierung. Es war fast so wie eine Berliner Au?enstelle des Bonner Parlaments. Deshalb wurden alle Ausgaben fur den Reichstag nicht von der Stadt Berlin, sondern von Bonn getragen. Der Hausheer des Reichstags, also die Person, die juristisch fur das Gebaude verantwortlich war, war der Prasident des Bundestags in Bonn, des Parlaments der Bundesrepublik Deutschland. Protokollarisch nahm er in der politischen Struktur Westdeutschlands nach dem Bundesprasidenten und dem Bundesprasidenten den dritten Rang ein. Der Bundeskanzler steht erst an funfter Stelle. Der Bundesprasident ist der einzige, der die entgultige Genehmigung erteilen kann, da sich der Reichstag ganz uberwiegend auf Westberliner Gebiet befindet. Dies ist der sogenannte "offizielle" Weg, doch da der Reichstag im britischen Militarssektor lag, konnte die westdeutsche Regierung nicht umhin, die Briten um ihre Meinung zu fragen, die sich wiederum automatisch mit den Franzosen und den Amerikanern absprachen. Da sich die Ostfassade des Gebaudes auf der Ostberliner Territorium befand, mussten die Briten, Amerikaner und Franzosen die Angelegenheit mit der sowjetischen Armeefuhrung in Ostberlin erortern, und daraufhin mussten die Sowjets sich wiederum mit der ostdeutschen Regierung absprechen, die in Ostberlin ihren Sitz hatte. Als die Sache schwierig wurde, wandte sich Christo sogar nach Washington, um um Hilfe zu bitten. Daraus wurde aber nicht viel und im Sommer 1977 wurde das Projekt zum ersten Mal offiziell abgelehnt. Nachdem sich Christo auch woanders keine Unterstutzung bekam, musste er erkennen, dass keine Hilfe zu erwarten war. Nach weiteren 18 Jahren gelang es Christo endlich, sein Werk durchzubringen, und den Reichstag zu verhullen. Am 35.2.1994 wurde im deutschen Bundestag abgestimmt, ob man dem Kunstler die Genehmigung geben sollte oder nicht. 292 Stimmen waren fur das Projekt und 223 waren gegen Christos Vorhaben. Am 24.1.1995 war es endlich soweit. Christo verhullte den Reichstag mit Hilfe von 90 professionellen Kletterer und 120 anderen Gehilfen. Es wurde bereits ein Jahr davor in zehn verschiedenen deutschen Fabriken die benotigten Materialien hergestellt und fabriziert. Es wurden 100 000 cm? Stoff und 15 600 Meter Seil benotigt. Vierzehn Tage lang blieb der Reichstag komplett verhullt. Mit dieser Verhullung wurde der Traum Chistos endlich erfullt und er kann stolz darauf sein, so ein Werk geschaffen zu haben und nie aufgegeben zu haben. |
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